Vortrag bei GAM, 14. Oktober 2015

Georg Hoffmann: „Fliegerlynchjustiz". Nationalsozialistische Gewaltmechanismen im Bombenkrieg (1943-1945)

Moderation: Heidemarie Uhl 

Abstract:
Der Vortrag thematisiert ein bislang weitgehend verdrängtes Gewaltphänomen, das sich während des Zweiten Weltkrieges in Form von Übergriffen und Morden an abgeschossenen alliierten Flugzeugbesatzungen manifestierte. Der NS-Staat subsumierte derartige Verbrechen unter dem Begriff der „Fliegerlynchjustiz" und knüpfte daran die Behauptung, dass es sich um eine kollektive Rache einer vom Bombenkrieg betroffenen Bevölkerung handle. Diese Vorstellung schien so „plausibel" und angesichts der verheerenden Bombenangriffe auch so „nachvollziehbar" zu sein, dass sich selbige bis in die Gegenwart hielt. Der Vortrag stellt nun dieses Bild und die dahinter stehenden Narrative infrage und untersucht die Ausformung der „Fliegerlynchjustiz" am Beispiel des heutigen Österreichs. Dabei werden nationalsozialistische Feindbildkonstruktionen im Bombenkrieg („Terrorflieger") genauso in Augenschein genommen, wie die gezielte Anbahnung von Gewalt und der Aufbau von Steuerungsmechanismen innerhalb lokaler „Gemeinschaften". Unter diesem Gesichtspunkt wird die Frage gestellt: welche Funktion hatte die „Fliegerlynchjustiz" innerhalb einer NS-Herrschaft „unter Bomben" und welche Zielsetzungen verbanden sich mit ihrer Entfesselung? Über die Thematisierung vorherrschender Narrative wird zudem ein fehlendes Gedenken problematisiert und dabei die in der heutigen Wahrnehmung des Bombenkrieges noch immer vorhandenen Opfer-Täter-Zuschreibungen in den Fokus genommen. Der Vortrag basiert auf einem langjährigen Forschungsprojekt sowie dem 2015 vom Vortragenden veröffentlichten Buch „Fliegerlynchjustiz". 

Zur Person:
Georg Hoffmann, Dr. phil., Institut für Geschichte (Zeitgeschichte) der Karl-Franzens-Universität Graz. Autor des 2015 erschienenen Buches „Fliegerlynchjustiz" und Mit-Kurator der 2015 am Heldenplatz gezeigten Ausstellung „41 Tage. Kriegsende 1945 - Verdichtung der Gewalt".